Inflation, Zinsen und Konjunktur
Mittwoch, 12.07.2023

Wie geht es an den Kapitalmärkten weiter?

Unser Blick auf die Schlüsselfaktoren Inflation, Zinsen und Konjunktur

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In den letzten Monaten waren die Kapitalmärkte von starken Schwankungen geprägt: Die Kurse bestehender Anleihen gaben nach, während neu ausgegebene Rentenpapiere gefragt waren, der Aktienindex DAX fiel zwischendurch und erzielte dann doch ein Allzeithoch nach dem anderen. Der deutlich schwankungsärmere Immobilienmarkt befindet sich nach wie vor in der Preisfindungsphase und passt sich Stück für Stück an das gestiegene Zinsniveau an: Die Verhandlungen dauern länger und nicht immer kommt eine Transaktion zustande. Und Tagesgeldkonten werfen nach jahrelanger Flaute wieder Zinsen ab.

Turbulente Zeiten also für Kapitalanlagen! Dazu kommen Nachrichten von Klimakatastrophen, geopolitischen Unstimmigkeiten, steigenden Flüchtlingszahlen, Lohnerhöhungen, Streiks und einem immensen Fachkräftemangel. In der Summe also jede Menge Herausforderungen, die nicht nur die Politik in Bewegung halten, sondern auch Investoren und Privatanleger – und damit die Kapitalmärkte.

Anleger fragen sich: Wie geht es an den Kapitalmärkten weiter? Wir nehmen daher die drei Schlüsselfaktoren unter die Lupe, die derzeit besonders stark auf die Kapitalmärkte einwirken, und schauen, wie sie sich in nächster Zeit entwickeln könnten: Inflation, Zinsen und Konjunktur.

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Die Inflation flaut langsam ab

Die Inflationsrate, die immer im Vergleich zum Vorjahresmonat gemessen wird, stand im Mai 2023 auf dem niedrigsten Wert des Jahres. Im Juni stieg die Inflationsrate zwar wieder leicht. Dies sollte auf Basiseffekte zurückzuführen sein. So wurde im Juni 2022 das 9-Euro-Ticket eingeführt, was jetzt einen verzerrenden Effekt hat.

Der Rückgang der Inflation dürfte voraussichtlich anhalten, denn bei den deutschen Erzeugerpreisen zeichnen sich Preisrückgänge ab. Diese sollten sich mit Verzögerung positiv auf die Teuerung auswirken. Im Mai sind sie so langsam gestiegen wie seit über zwei Jahren nicht (+ 1 Prozent). Allein von April bis Mai 2023 fielen die Erzeugerpreise um 1,4 Prozent. Grund dafür waren vor allem die gesunkenen Energiepreise, die seit letzten September um mehr als ein Drittel gefallen sind. Wir erinnern uns: Mit Beginn des Ukrainekriegs haben vor allem die Energiepreise die Inflation angetrieben. Zuletzt waren aber die Lebensmittel mit einem Plus von 14,9 Prozent im Mai gegenüber dem Vorjahresmonat Inflationstreiber Nummer eins. Hier liegt die Teuerung noch deutlich über der Gesamtinflationsrate, allerdings waren auch die Nahrungsmittelpreise in den letzten Monaten rückläufig. Insgesamt rechnen die Experten von Union Investment damit, dass das Gesamtjahr 2023 in der EU mit einem durchschnittlichen Preisanstieg von 6 Prozent enden wird.

Der Preisdruck sollte im kommenden Jahr weiter nachlassen. Die Volkswirte von Union Investment gehen davon aus, dass im Jahr 2024 die Inflationsrate auf einen Wert von +2,8 in Deutschland und im Euroraum zurückgehen dürfte. Die Europäische Zentralbank (EZB) strebt zur Sicherung der Preisstabilität mittelfristig eine Inflation von +2 Prozent an. Daher gibt es noch keine Entwarnung in puncto Teuerung, aber die Zeichen stehen immerhin auf Entspannung.

Ende der Leitzinsanhebungen nicht mehr weit

Wenn in den Nachrichten von Zinserhöhungen gesprochen wird, dann geht es um den Leitzins, zu dem sich Banken bei der Zentralbank Geld leihen. Seine Höhe hat auch Einfluss auf die Zinsen, zu denen Banken Kredite vergeben und die sie auf Guthaben zahlen. Der Leitzins wird von den Zentralbanken festgelegt. In den USA ist das beispielsweise die Federal Reserve (Fed) und bei uns die Europäische Zentralbank (EZB). Durch die Höhe des Leitzinses lässt sich die Preisentwicklung beeinflussen. Kurz gesagt: Steigt der Zinssatz, sinkt die Inflation. Denn wenn die Zinsen steigen, wird Sparen im Vergleich zum Konsum attraktiver, die Nachfrage geht zurück, die Preise sinken. Gleichzeitig verteuern sich Kredite, was zur Folge hat, dass auch über diesen Weg weniger Geld zur Verfügung steht. Deshalb haben die Notenbanken im Kampf gegen die Inflation die Zinsen in mehreren Schritten erhöht. In Amerika wurde der Leitzins früher als in Europa angehoben und die Wirkung macht sich bereits bemerkbar: Die hohe Inflationsrate von +9,1 Prozent im Juni 2022 konnte innerhalb eines Jahres auf +4 Prozent (Stand: Mai 2023) gedrosselt werden. Seit Juli letzten Jahres wurden auch die Zinsen in Europa schrittweise angehoben: von 0 auf jetzt +4 Prozent (Stand Juni 2023). Die EZB dürfte angesichts der hartnäckigen Inflation im Euroraum die Zinsen noch weiter erhöhen. Für die EZB-Sitzungen im Juli und im September ist mit weiteren Anhebungen um jeweils 0,25 Prozentpunkte zu rechnen.

Zinsanhebungen senken indirekt die Inflation, etwa über teurere Kredite. Die Folge: Unternehmen investieren verhalten, Privatpersonen kaufen weniger auf Pump und halten ihr Geld zusammen. Vor allem die Baubranche und Immobilien leiden derzeit unter den Zinserhöhungen: Bundesbürger können sich beispielsweise den Kredit für ein Eigenheim nicht mehr leisten. Das Ergebnis: Die Nachfrage an Immobilien sinkt und die Preise purzeln nach unten. So sind Wohnimmobilienpreise allein in den ersten drei Monaten des Jahres 2023 um 6,8 Prozent gefallen. Die realen Auftragseingänge im Baugewerbe sind innerhalb eines Monats (von März auf April 2023) um 1,3 Prozent zurückgegangen – im Vergleich zum Vorjahresmonat sogar um 10,3 Prozent.

Und das ist die Krux an Zinsanhebungen: Die Konjunktur wird ausgebremst. Spätestens hier werden Aktionäre hellhörig: Wenn das Wirtschaftswachstum zu sinken droht, dann fallen oft auch die Kurse von Aktien. So ist es gerade kürzlich (am 22. Juni 2023) passiert, als der US-Notenbankchef Powell signalisierte, dass es in den USA weitere Zinserhöhungen geben könnte. Die Stimmung an der Börse fiel und damit auch die Kurse: Allein der deutsche Leitindex (DAX) verlor innerhalb kurzer Zeit 1,2 Prozent. Aber nicht nur Aktien sind von den Zinsanhebungen betroffen, sondern auch Anleihen. Wenn die Zinsen angehoben werden, fallen die Kurse der bestehenden Anleihen, die noch zu geringeren Zinssätzen ausgegeben wurden. Zinsanhebungen können also gleichzeitig positive Effekte wie negative haben. Da nun aber die Inflation rückläufig zu sein scheint, dürften auch Zinsanhebungen bald wieder der Vergangenheit angehören. Und damit könnte sich das Wirtschaftswachstum wieder erholen.

Die Konjunktur erholt sich 2024 langsam

Sie wurde erst erwartet, dann galt sie als abgewendet, Ende März kam sie dann doch: Die technische Rezession in Deutschland. Davon spricht man, wenn die wirtschaftliche Aktivität zwei Quartale in Folge sinkt wie im vierten Quartal 2022 und in den ersten drei Monaten 2023. Es geht allein um die Wiederholung – wie stark die Wirtschaftsleistung dabei geschrumpft ist, spielt keine Rolle. Deutschland steckte im Winterhalbjahr also in einer leichten Rezession. Und wie entwickelt sich das Wirtschaftswachstum bis zum Ende des Jahres im Vergleich zum Vorjahr? Hier sind sich die Ökonomen uneinig: Die Prognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute wurden im Laufe des Jahres immer wieder nach unten korrigiert und rangieren jetzt (Stand: Juni 2023) zwischen 0 (Bundesverband der deutschen Industrie, BDI) und -0,7 Prozent (Handelsblatt Research Institute, HRI). Das Institut für Wirtschaftsforschung (ifo) geht von einem Minus von 0,4 Prozent aus. Ein weiterer belastender Faktor ist, dass zusätzlich zur straffenden Wirkung der Zinserhöhungen seit den Turbulenzen im Bankensektor im Frühjahr 2023 die Kreditvergabestandards von den Instituten selbst verschärft wurden und insgesamt weniger Kredite ausgegeben werden. Und – wie oben schon erwähnt – bedeutet das: Keine Kredite bedeutet weniger Investitionen. Wie stark dieser zusätzliche Bremseffekt auf die Konjunktur ausfallen wird, ist noch offen und bleibt zunächst ein Unsicherheitsfaktor für die Märkte.

Aber nichtsdestotrotz wird investiert werden müssen: Denn der Klimawandel soll gestoppt, die Ziele der Agenda 2030 erreicht und die Lieferketten neu aufgestellt werden. Die dafür notwendigen Maßnahmen dürften die Gesamtwirtschaft beleben. In Kombination mit dem Rückgang der Inflation und dem nahenden Ende der Zinserhöhungen sollte die wirtschaftliche Flaute demnach bald ausgestanden sein.

2024 dann – und da scheinen sich weitgehend alle Wirtschaftsforscher einig zu sein – dürfte sich die Konjunktur wieder erholen: Die Deutsche Bundesbank rechnet mit einem Plus von 1,2 Prozent und das Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) prognostiziert plus 1,5 Prozent (Stand: Juni 2023).

Einschätzung einzelner Anlageklassen bis Ende 2023

So könnten sich die wichtigsten Anlageklassen entwickeln:

Anleihen und Rentenfonds: Das Thema Renditeanstieg durch Zinsanhebungen dürfte mit Erreichen des Leitzins- und Inflationsgipfels weitgehend erledigt sein. Zum Jahresende könnten zehnjährige US-Staatsanleihen bei +3,75 Prozent, deutsche Bundesanleihen mit gleicher Laufzeit dürften mit +2,7 Prozent verzinst werden. Interessant bleiben Unternehmensanleihen – vor allem europäische Emittenten mit gutem Rating.

Aktien: Aktien bleiben für langfristig orientierte Investoren alternativlos. Die Börsen könnten in den kommenden Monaten aber durch die Unsicherheit bei Inflation, Zinsen und Wirtschaftswachstum belastet werden. Vor dem Hintergrund dieser Risikofaktoren ist mit sinkenden Unternehmensgewinnen zu rechnen. Aber mit der Stabilisierung der Konjunktur in Richtung Jahreswechsel ist eine Gegenbewegung zu erwarten.

Rohstoffe: Insgesamt dürften Rohstoffe in einem Spannungsfeld zwischen zyklischer Schwäche und struktureller Knappheit gehandelt werden. Das bedeutet: Die schwache Konjunktur belastet die Rohstoffpreise. Auf der anderen Seite aber wird die Nachfrage durch die grüne Transformation (beispielsweise Solar- oder Windparks) beflügelt. Vor allem Industriemetalle könnten jetzt interessant werden.

Geldmarkt: Festgeld bringt derzeit zwar wieder Zinsen, doch die Inflation ist höher als die Rendite. Es entsteht also ein realer Verlust.

Immobilien und Immobilienfonds: Immobilienfonds profitieren von der Inflation. Denn der Großteil der europäischen Gewerbemieten ist über Wertanpassungsklauseln an die Inflation gekoppelt. Das heißt: Bei zunehmender Inflation steigen die Mieterträge. Mieten werden zu einem zentralen Element der künftigen Wert- und Preisfindung. Am Ende des Zins-Anpassungsprozesses, der spätestens bis Mitte des Jahres 2024 abgeschlossen sein dürfte, werden sich die Immobilien-Investmentmärkte wieder stärker beleben. Ein neuer Immobilienmarktzyklus steht schon in den Startlöchern.

Konsequenzen für die eigene Geldanlage

Bevor sich die Lage an den Kapitalmärkten im Jahr 2024 wieder bessert, sollten Anleger gezielt in ausgewählten Ländern, Sektoren und Anlageklassen ihr Geld anlegen. Das aktive und an die jeweilige Situation angepasste Investieren ist jetzt wichtiger denn je. Für Anleger, die das schnelle und strategische Handeln am Markt an einen Profi abgeben möchten, eignen sich Investmentfonds. Sprechen Sie darüber mit Ihrer Beraterin oder Ihrem Berater aus der genossenschaftlichen Bankengruppe.

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